Mehr als ein profaner Zweckbau

Staufer & Hasler haben kürzlich ein Übungsgebäude für Schutz und Rettung Zürich in Opfikon fertiggestellt. Astrid Staufer wählt drei Zeichnungen und drei Fotos und beantwortet unsere sechs Fragen.
Südostansicht
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Zwei Voraussetzungen können als aussergewöhnlich bezeichnet werden:
Den Ausdruck betreffend ist es die seltene Möglichkeit, den konstruktiven Aufbau des Baus ohne die üblichen Dämmanforderungen innen wie aussen direkt abbilden zu können. Und hinsichtlich seiner inneren Organisation das Ziel der Nutzerschaft, im Erschliessungsbereich anstelle der gewohnten «Ordnung» eine maximale «Unordnung», d.h. eine geradezu labyrinthische Verwirrung zu erzeugen. Letzteres ermöglicht stets neue Lösch- und Rettungsszenarien für die Feuerwehrübungen (vgl. dazu auch den eben erschienenen Beitrag «Kontrollierte Verbrennung» von Caspar Schärer in Werk, Bauen + Wohnen 10|2011).
Situation
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Einerseits war es das Ziel, der geschilderten «Unordnung» dennoch eine ordnende Systematik zugrunde zu legen - sei es im Grundriss wie in der äusseren Erscheinung. Die gewählte Struktur führt Geschosseinheiten, Installationsschächte und Vertikalerschliessungen in einem Ortbetongerüst zusammen, welches gewichtsparend mit vorfabrizierten Betonelementen ausgefacht wird. Andererseits sollten die sehr unterschiedlichen Übungselemente (Schrägdach, Flachdach, Loggien, Türen, Fenster, Brüstungen, Gesimse etc.) in einem plastischen Gebilde zusammenwachsen: Als «Januskopf» zeigt es nun seine zwei ungleichen Gesichter. Und schliesslich soll der Inhalt des Baus, das Feuer selbst, seine zerstörerischen Spuren kontrolliert zum Ausdruck bringen, indem die Betonelemente auf der «Schauseite» in verkohlte Holzschalungen gegossen wurden.
Südansicht. Zwei verschiedene Gebäudehälften.
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

Die unterschiedlichsten Trümmergebilde und Versatzstücke auf dem Übungsareal von Schutz & Rettung formen eine surreale und einmalig künstliche Landschaft, die es weiterzuentwickeln galt. Gleichzeitig grenzt das Grundstück an eine Naherholungszone, auf die das Bauwerk als Turm ausstrahlen kann. Die nicht unbeachtliche Höhe des Objektes und seine Geschosszahl schlagen - auf ausserstädtischem Boden - den weiten Bogen zu den innerstädtischen Bauten der Stadt Zürich: Seine Höhendimension entspricht in etwa jener der traditionellen Blockrandbauten und stellt so auch ein uminterpretiertes Fragment einer innerstädtischen Typologie dar.
Grundriss 1. Obergeschoss
Inwiefern haben die Bauträgerschaft oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Die konstante Interaktion mit dem Amt für Hochbauten der Stadt Zürich und den künftigen Nutzern (Schutz & Rettung) war unabdingbare Voraussetzung für die «Gestaltung von Funktionalität». Die Freude und das Engagement der Feuerwehrvertreter im Hinblick auf die Entwicklung dieses funktionalen und gestalterischen Prototyps war für uns Architekten ein massgeblicher Antrieb: Für alle Beteiligten war es ein lustvolles gemeinsames Suchen und Forschen auf neuen, unbekannten Wegen.
Querschnitt
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?

Das Projekt war aus einem Wettbewerbsverfahren für das neue Ausbildungszentrum Rohwiesen im Jahre 2006 hervorgegangen, das infolge politischer Unklarheiten nach der Vorprojektphase sistiert worden war. Auf dem damaligen Wettbewerbsplan erschien das Brandhaus neben dem grossformatigen Hauptbau als bedeutungsloser schwarzer Punkt. Aufgrund der Vordringlichkeit seiner Realisierung überwand er in der Folge sein Schattendasein und wuchs einsam, aber kraftvoll in die Höhe.


Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Beton, Beton, Beton - in den unterschiedlichsten Anwendungs- und Ausdrucksformen. Ein Brandhaus aus Holz oder Stahl wäre natürlich origineller...
Spezielle Hochachtung gebührt der Firma SAW für die Erstellung der «verkohlten» Betonelemente. Mit unvergleichlichem Engagement und unter Einsatz der lokalen Feuerwehr wurde in ihren Produktionshallen nicht nur «gezeuselt», sondern auch gegrillt (unverkohlte Würste für das ganze Büro nach gelungenem Guss).


Wir freuen uns über Ihre Anregungen und Kritiken!
Westansicht
Brandhaus II, Ausbildungszentrum Rohwiesen
2011

Opfikon ZH

Auftragsart
Wettbewerb Gesamtareal 2006

Bauherrschaft
Stadt Zürich Immobilien-Bewirtschaftung
Vertreten durch: Amt für Hochbauten Stadt Zürich, Nicole Weber

Architektur
Staufer & Hasler Architekten AG, Frauenfeld
Verantwortliche Mitarbeit: Marko Sauer, Adrian Weber, Andreas Bühler

Fachplaner
Bauingenieur: ACS Partner AG, Zürich
Elektroingenieur: EBP Ernst Basler Partner, Zürich
HLKS-Ingenieur: Gerber Haustechnik GmbH, Volketswil
Bauphysik: Mühlebach Partner AG, Wiesendangen
Planung Brandsimulationsanlage: Kidde Fire Trainers GmbH, Aachen D

Gesamtkosten BKP 1-9
CHF 6,05 Mio.

Gebäudekosten BKP 2
CHF 2,72 Mio.

Gebäudevolumen
2'600 m3

Kubikmeterpreis
1’046.-/m3

Massgeblich beteiligte Unternehmer
Baumeister: Robert Spleiss AG, Küsnacht
Abbrüche: Eberhard Bau AG, Kloten
Pfählung: Specogna Bau AG, Kloten
Betonelemente: SAW Spannbetonwerk AG, Widnau
Stahlbau Türen / Tore: Lenzlinger Söhne AG, Nänikon
Metallbau: Nischelwitzer AG, Erlen

Fotos
Theodor Stalder, Zürich